HAMMELBURGER NACHLESE
SAALECK
Das Wahrzeichen des Saaletales bei Hammelburg ist die Halbruine Saaleck. Hoch und malerisch krönt sie ihren Berg, an dessen baumgrünem Abhang sich das Franziskanerkloster Altstadt und stattliche Brauerei hingesetzt haben. Tiefer heiliger Friede liegt über den Klosterräumen; in der imposanten Kirche sucht und findet die Seele Ruhe vor den Stürmen draußen, Kapellen knien wie dienende Brüder herum und ein Kreuzweg mit Stiegen und Balustraden führt hinauf bis dicht an das Schloß. Letzteres ist alt, schon 1282 bekannt und in seiner Geschichte hervorragend nur als Kauf- und Tauschgegenstand zahlloser Herschaften; es war fuldaischer Amtssitz, und die einzige Abwechslung in sein Dasein warf die Brandfackel der Bauern, die es aber sofort wieder aufbauen mußten. Das Kloster wurde 1649 gegründet, doch soll schon Bonifazius dort ein 14-Nothelferkirchlein gebaut haben, ja die Stadt Hammelburg soll, weil alte Mauerreste ausgegraben wurden, überhaupt hier gestanden haben. Der Streit hierüber ist zwar eingeschlafen, nicht aber jener, ob Saaleck, die Burg, römische Gründung sei oder nicht. Wissensdiaftliche Forschung lehnt die Möglichkeit ab, dem aber wieder die Tatsache gegenübersteht, daß der jetzige Besitzer der Burg, Creutzer, vor längerer Zeit bei Grabungen Reste eines Turmes mit römischen Tonscherben gefunden hat. Leider hat Saaleck sein Charakteristikum eingebüßt im Winter 1921, als bei Auftauarbeiten ein Brand die flott gewellte Haube des runden Burgfriedes zerstörte. Wie ein mit dem Lineal in den Himmel gezogener scharfer Strich schließt der obere Turmrand häßlich ab, und vorläufig besteht keine Aussicht auf Wiederherstellung des früheren Bildes. Zwar ist der Besitzer ohne weiteres bereit, aus eigenen Mitteln die alte malerische Haube wieder aufzusetzen, aber in München sitzen Herren, die über Stil und Schönheit im Lande zu wachen und die gefunden haben, daß die wellige Haube „ein Monstrum gewesen und der jetzige Zustand schöner als der erste sei". Wäre der Saalecker nicht ein Grillenscheucher ersten Ranges, säße es sich weniger traut und lauschig in den Weinnischen der alten Burgräume, böte nicht das Schloß in seinen alten und neuen Teilen, in den turmtiefen Kellern und von der Söllern aus so gewinnende Seiten, man wäre versucht, mit der Faust in den Tisch zu schlagen ob so viel Stubenweisheit und Pedanterie . . .
(1926) -z-
Hammelburger Nachlese
Wir wollten gerade der Stadt entfliehen, um auf der großen Straße, die durch weite Forste und tiefe Gründe, an grauen Siedelungen vorbei und reiche Umsicht gewährend nach Brückenau führt, den Thulbagrund zu gewinnen. Aber ein Lied, das kräftig und melodisch zwischen den Häusern klang, hielt uns fest. Ein Lied, das niemand kennt, einne Melodie, die keiner erfand. Der Sänger war vom Lager herabgekommen, vom Mustergute Endres, thronte in Pelz gehüllt und hölzerne Riesenschelche an den Füßen auf einem Milchwagen, vor den ein vorsintflutlicher Klepper, ein Philosoph von Roß, gespannt war. Der Sänger war „Wilhelm", der Großknecht und Kutscher, ein Jüngling trotz seiner 60 Jahre, der mit Direktoren und Beamten beim Wein über hohe Politik spricht, niemals den Humor verliert und zum Straßenbilde von Hammelburg gehört, wie etwa der Brunnen auf dem Markte. Singend fährt er vom Berge, singend hinauf, singend durch die Gassen; der Gaul gehorcht nur dem Liede, er ist aller Kinder Freund, die er mit ausgezeichneter Höflichkeit begrüßt. Als treuer Bote besorgt er alle Bestellungen, für 50 Pfennige befördert er einen müden Wanderer auf den Milchkannen mit; will sein Herr mitfahren, ist die Taxe keinen Pfennig geringer. Stundenlang, nachts oft bis 11 und 12 Uhr, labt er sich beim Schoppen, während der Gaul philosophierend Wache vor der Wirtschaft steht. Er stammt aus Österreich der „Michel", wo er als Wachtmeister der Artillerie sich die Sporen verdiente, und es ist selbstverständlich, daß als alter
Wachtmeister er, und nicht sein Herr, der Herr auf dem Mustergute ist. (Was allerdings nur unter vorgehaltener Hand dem Neugierigen ins Ohr geflüstert wird.) Diesem Michel also kommt es auf das Kerbholz, daß wir noch einige Stunden in einer gemütlichen Weinstube saßen und erneut die Güte und das Feuer des Saaleweines bestätigen konnten. Huldvoll und freundlich verabschiedete Michel sich von den Kindern der Straße, gnädig, ganz Serenissimus, von uns, um singend dann die klumpfüßige Rosinante aus der Stadt zu steuern. )
Wir folgten seinem Beispiele, aber wars erst der Wein und dann der „Michel", der uns in der Stadt festhielt, so jetzt eine simple Eisenbahnschranke. Wie uns ein vertrauenswürdiger Graubart versichert, ist die Straße nach Untererthal nicht für den Verkehr, sondern nur deshalb gebaut, damit die Schranke darüber liegen kann. Wie lange sie schon horizontal ruhte, entzieht sich unserer Kenntnis: wir sahen nur Fuhrwerke, Karren und Menschen diesseits und Menschen, Karren, Fuhrwerke jenseits, die mit biblischer Geduld
auf ihre Einlösung harrten. Wir reihten uns fromm der Schlange an. - In traumhafte Erinnerungen schlug plötzlich ein Wunder: die Schranke hob sich und gab die Straße frei. Schnell entwirrte sich der Verkehrsknäuel. Wir winkten dankend dem rettenden Eisenbahner und ließen dem Kraftwagen freien Lauf, dem Thulbagrund entgegen . . .
(1927) -z-