Hammelburger Geschichte(n)

 

 

Aus alten Zeitungen

Streifzüge durch Franken (1926/1927)
HAMMELBURGER WEIN

Aber die Rebe blüht! Sie ist das edelste Gewächs im Saaletale, der Stolz Hammelburgs und eine gute Einnahmequelle in guten Jahren. Der letzte Herbst zwar war ein voller Mißherbst, dessen vernichtende Folgen nur durch die alten Bestände der Winzergenossenschaft einigermaßen ausgeglichen werden; Sulzthal und Hammelburg ernteten nicht einen einzigen Liter! Die frumben Äbte von Fulda hatten bald erkannt, welcher Wonnetropfen hier gedieh, als ihnen Kaiser Karl mit seinem Königsgute acht Weinberge schenkte, und sie verwendeten alle Sorgfalt auf sie. Abt Sturmius senkte die Rebe bei Diebach in die Erde, der Saalecker warf damals schon humpengewaltige Zecher unter den Tisch, das berühmte Johannisberg im Rheingau, wo Carolus Magnus segnend im Mondschein über die Rebenhänge schreitet, wurde bestockt mit Hammelburger Reben. Durch Zufall wurde hier an der Saale wie man sagt, zuerst der Wert der Edelfäule erkannt. Nämlich: Durch einen eigenen Boten ließ Fulda den Beginn der Lese in Hammelburg ansagen. Dieser Bote blieb zwei Wochen krank unterwegs liegen, und als er ankam, waren die überreifen Trauben bereits edelfaul; man erschrak weidlich, führte aber doch die Lese durch und erzielte den köstlichsten Tropfen, der je einen fränkischen oder thüringischen Gaumen genetzt hatte. Der Saalewein ist der Mosel verwandt, man baut in guten Jahren hervorragende Edelweine, nicht nur an den Hängen der Saale selbst sondern in den Tälern all, die sich keusch, verschwiegen und Sonne sammelnd in die Berge ziehen Waren Sie schon einmal im Winzerkeller? Nicht? Trösten Sie sich mit anderen Sckicksalsgenossen ! Wem es aber je vergönnt war, bei besonderen Gelegenheiten im Kellerbauch zu sitzen und, umgrünt von Tanne und Weinlaub, Saalewein zu schlürfen, den blühende Hammelburger Winzermädlich kredenzten, Wein, der schon vor 1000 Jahren selige Zecher schuf, der kommt von Hammelburg nicht mehr los. Dieser Wein, so behauptet einer, ders wissen muß, nämlich der Winzervater Martin, dieser Wein mundet den Kissinger Kurgästen besser als ihr Rakoczy! Und „Ge-legenheiten" zu Kellerfesten schaffen Hammelburgs Stadtväter genügend! Da war die Eröffnung der Bahn nach Bad Kissingen, eine Ärztetagung, eine Rotkreuztagung, Ministerempfänge - und stets bestand das gastfreie Städtchen in Ehren. Es will sich deshalb gar nicht reimen, wenn ein boshafter Zeichner aus dem Jahre 1671 ein Stadtbild schuf, mit darüberschwebendem durchbohrten Herzen und einer Krücke, und dazu den animosen Spruch setzte:
Amor et Podagra Immedicabilis
(Liebe und Zipperlein sind unheilbar!)
Ich habe mir die Hammelburger genau daraufhin besehen und viele liebe herzige Leute gefunden, aber keine Krückenträger, Menschen, die den Schöpfer in seinem Weine ehren, ohne sich Podagra daraus zu trinken!
Natürlich haben sie Wünsche an das Schicksal, was nicht zu verwundern ist angesichts des zerschlagenen Diadems. Daß die Entente ihnen den Truppen Übungsplatz wieder öffne, glauben sie selber nicht, aber Leben, Kraft, Wachsen - alles Dinge, die der Industrie entströmen, das ist ihr Sehnen. Industrie! Arbeitskräfte wären vorhanden und der Wille zur Arbeit auch. Außer einer Inflationsschuhfabrik, die 100 Personen beschäftigte und deren Räume wieder leer steher; ist Nennenswertes nicht vorhanden; der Sodenberg und Sdcheinfurt sind die Retter aus der Not der Arbeitslosigkeit. Plane lägen allerdings fertig vor. So fragt sich jeder, warum die Straße nach Untererthal den steilen Berg zu überklettern hat, während einige Steinwurf weit weg die Thulba den natürlichen und bequemsten Talweg weist. Die Verbesserung anderer Straßen, wie der fürchterlichen „Kaltschkaute", bei Diebach, würden mit einem Schlage Hunderte von Händen beschäftigen ! Aber der Staat hat kein Geld! Die neue Postautolinie, die über das Thulbatal führt und eine Reihe bedeutender Orte sowohl mit Kissingen als mit Hammelburg verbindet, vor allem die Weiterführung der Bahnlinie nach dem Weltbade selbst, haben ja viele Wunsche erfüllt und warme Dankesworte an die Oberpostdirektion in Würzburg und nach München ausgelöst. Aber ein Auto, und wäre es noch so neu lackiert, bringt nicht die entschwundene Glanz- und Blütezeit zurück.
-z-

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