Hammelburger Geschichte(n)

 

Wer war H - R ?

55-2-2Es muß gleich zu Beginn gesagt werden: Wir können diese Frage heute noch nicht beantworten Es ist eigentümlich, daß wir von einem Künstler des 16. Jahrhunderts, dessen Werken wir im Raum von Hammelburg so oft begegnen, auf einer Linie, welche von Burgsinn über Windheim, Untererthal, Hammelburg, Thüngen, Eckartshausen, Volkach verläuft und von dem Werke in Schannats Historia Fuldensis abgebildet sind, keinerlei persönliche Namen und Daten wissen. Grenzräume seines Schaffens waren anscheinend Königshofen und Fulda, sodaß der Bezirk seines Schaffens sich in großem Kreis mit 50-60 km Radius um Hammelburg als Mittelpunkt erstreckt; als Auftraggeber kommen neben den Thüngen auch die Henneberger in Betracht.
Im Hof der sog alten Burg zu Königshofen fand ich an einem Wappen Konrads III , Bischofs von Würzburg (1519-1541) aus dem Geschlecht der Thüngen mit der Jahreszahl 1520 die etwas verwitterte Signatur HR ligiert, d.h. beide Buchstaben verbunden, Es dürfte das älteste Werk des Meisters sein, welchen die Kunstdenkmäler (Dr Adolf Feulner, 1915, XIV) als einen einheimischen, handwerklichen und an anderer Stelle als einen ländlichen fränkischen Meister bezeichnen, der vornehmlich für die Thüngen gearbeitet habe. Ein Steinrelief von 1538, das für den Frühstil auch recht aufschlußreich wäre, ist leider verschollen. Es befand sich im Hof der früheren Hammelburger Ratsschänke (Anwesen Mahler) und ist vor Jahrzehnten an das Würzburger Antiquariat Seligsberger veräussert worden und unauffindbar. Zeitlich das nächste Werk ist ein (von mir als mit HR signierte) derber Wappenstein von 1540, Johanns III. von Henneberg, welcher seit 1521 Coadjutor des Hermann von Kirchberg, vom 1529 bis 1514 regierender Abt von Fulda gewesen ist, also einer der Auftraggeber des HR.
Nur etwas später ist ein weiterer Wappenstein der Erthal-Schott im sog. Erthalischen Hofhaus, signiert HR 1545, (den wir abbilden). Aus den Jahren 1546/47 stammen dann die bekannten 4 Reliefs und zwei Inschrifttafeln an der Windheimer alten Friedhofmauer bei der Kirche, gefertigt im Auftrag eines Philipp von Thüngen zum Sodenberg, mit den Wappen der Thüngen, Berlichingen, Voiten von Rieneck und Rüd von Collenberg Die Tafeln enthalten: Christus am Oelberg - Christus am Kreuz - Stiftertafel des Philipp -Christus'Fall unter dem Kreuz - Christus am Kreuz mit Inschrift. - Weitere Inschrift, welche Philipp auch als Stifter früheren Kirche zu Winden aufweist. Im Jahre 1547 entstand, unmittelbar neben dem Stammschloß in Thüngen, eine (sehr verwitterte) Dornenkrönung des HR an der äusseren Hofmauer der Burg. 1548 fertigte er dann im Auftrag des eben 100 Jahre alt gewordenen Ratsmitgliedes Ivo Zazarey ein hohes Kreuz mit Inschrift und Winzermesser auf dem Hammelburger Friedhof. Es steht in der Nordwestecke. Der dauerhafte Ivo ist, 105 Jahre alt, am 9. Juni 1552 gestorben.
Nicht viel später als das Zazarey-Kreuz ist ein Werk anzusetzen, das sich in Burgsinn befindet und zwar sozusagen in zwei Teilen, Sockel und Aufbau getrennt, aus dem Jahre 1549. Es handelt sich um den Sockel im Hof des neuen Schloßes, welcher sich nach der Inschrift auf den Tod des Ludwig von Thüngen zu Burgsinn bezieht, (geb. 11.10 1515, gest. 2.4 1549 zu Würzburg, begraben zu Burgsinn). Der zugehörige Grabstein ist aber in der Pfarrkirche und zeigt den Stifter mit seiner Gattin Agnes, die er erst 1543 geheiratet hatte, sowie die beiden Kinder Eberhard und Margarete. Die stilmäßige Übereinstimmung mit den Steinen von Windheim und Untererthal ist augenscheinlich.
Fünf Jahre später entsteht in Untererthal das Grabmal des Burchert (Burkart) von Erthal und seiner 1548 verstorbenen Gattin Sibylla, geborenen Schott(in), mit 6 Söhnen und 4 Töchtern, umrahmt von 24 aufschlußreichen Ahnenwappen der Erthal und der Schott, (deren Wappen uns auch in der Pfarrkirche Königshofen öfter begegnet, Auftraggeber?)
Zwei weitere Grabmäler des HR finden wir in der Kirche zu Eckartshausen bei Werneck, und zwar das des Wernecker Amtmanns Hans von Weingarten und ferner in der Wallfahrtskapelle bei Volkach das des Amtmannes Kaspar von Schaumberg.
Der aus Luxemburg stammende Fuldaer Hof-Historiker Schannat bildet in seiner „Historia Fuldensis" von HR in Stichen nicht weniger als 4 Grabplatten ab, nämlich von 3 Fürstäbten und 1 Propst des 15./16. Jahrhunderts.
Die entsprechenden Grabplatten selbst jedoch sind (nach Angabe von Dr.Hahn Fulda) verschollen. Das ist besonders deshalb bedauerlich, weil die zeichnerische Qualität der Schannatschen Stiche nicht gerade gut ist und von der markanten Eigenart des Bildhauers wenig erkennen läßt.
Wenn wir nun zusammenfassen, was wir wissen, so können wir als gültige Vermutungen feststellen, daß ein begabter, wahrscheinlich hammelburger, handwerklich eigenwilliger Bildhauer, gefördert von den Familien der Thüngen, der Henneberg, vielleicht auch der Schott in den Jahren zwischen 1520 und 1555 in unserem Raum viele Werke der Wappen - und Grabplastik geschaffen hat. Sein Stil ist derb und robust, aber auch sehr persönlich, man könnte sagen irgendwie noch romanisch anmutend. Formal kommt er im Aufbau seinem Zeitgenossen Loy Hering aus Kaufbeuern am Inn nahe, der später in Augsburg und Eichstätt gewirkt hat und dessen Einfluß ja auch in Mainfranken bedeutend war. HR ist formal, zum Unterschied von Riemenschneider - völlig als Renaissancemeister anzusprechen und jedenfalls von Riemenschneiderschen Einflüssen ganz frei. Eher wäre noch an Einwirkungen der Vischerschen Gießhütte zu denken Der Schwerpunkt seines Schaffens lag zweifellos in der Hammelburger Gegend.
Karl Brandler

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