Hammelburger Geschichte(n)

An diesem Tage, dem Dienstag der Karwoche, gelangten zum ersten Male feindliche Truppen in die unmittelbare Nähe der Stadt. Eine amerikanische Panzerabteilung stieß, von Aschaffenburg her kommend, an Hammelburg vorbei bis zum Lager vor. Wie dies im einzelnen geschah, berichtete der Journalist Kenneth Koyen nach der Darstellung des Führers der Panzer, Cpt. Abraham Baum‘, in der Zeitschrift Saturday Evening Post vom l. Mai 1948 S. 18/19 und S. 126/130 unter dem Titel „General Pattons Mistake". Der Zweck des kühnen Unternehmens war nicht klar erkennbar. Die offizielle amerikanische Angabe lautete später: 1. Die Deutschen über die Richtung des nächsten größeren Stoßes irre zu führen. 2. Das feindliche Hinterland in Verwirrung zu bringen. 3. Die Gefangenen im Lager zu befreien. — Es spielte vielleicht der Umstand mit, daß unter diesen Gefangenen sich der Schwiegersohn des die amerikanische Front im Raume von Frankfurt befehligenden Generals Patton befand, der Oberstleutnant Waters. Jedoch waren die vorstoßenden Amerikaner für die Befreiung d. h. Rückführung der Gefangenen zur alliierten Front viel zu schwach. Es waren insgesamt nur 293 Offiziere und Mannschaften mit 50 Fahrzeugen, darunter 16 mittleren und leichten Panzern. Auffallend und unerklärlich war der gänzliche Mangel an Fliegerunterstützung für die Abteilung. Cptn. Baum hatte im Laufe des Vormittags (27. 3.) nochmals durch Funkspruch vergeblich darum gebeten.

Am 26. 3. abends erkämpfte sich die Abteilung, von ihrer Front her durch Artillerie kräftig unterstützt, durch Schweinheim, den südlichen Stadtteil von Aschaffenburg, den Durchgang und weiterhin in der folgenden Nacht unter mehrfachen Gefechten den Weg auf der Spessartstraße nach Lohr und Gemünden. Hier durch starke deutsche Kräfte abgewiesen wandte Cptn. Baum sich nordwärts gegen Rieneck um einen Übergang über die Sinn zu finden. Dies gelang bei Burgsinn. Von da fuhr die Abteilung hinauf zur Hochstraße und erreichte auf dieser Gräfendorf. Bei Michelau wurde dann die Saale überschritten und gegen 14 Uhr des 27. 3. standen die Amerikaner an der Hainbuche und wenig später bei Obereschenbach. Kümmert: „Ich war eben in der Waschküche, um die Tabernakeltüren zu reinigen. Die Panzer hielten auf der neuen Straße gegenüber dem Dorf. Dann begannen sie mit Ma­schinengewehren und schließlich mit Geschützen zu feuern. Es stand am Ortsausgang auf der alten Hammelburger Straße ein (deutscher) Bulldog mit Anhänger. Wir vermuteten, sie schießen dorthin... Ins Dorf wurde mit Maschinengewehren auf den Turm geschossen. Nach etwa 15 Minuten fuhren sie weiter. Zählen konnte man sie nicht. Es können 40 Panzer und Panzerspähwagen gewesen sein." Gegen 16 Uhr erschien dann die feindliche Kolonne bei Untereschenbach.

Inzwischen war das deutsche Hinterland überall alarmiert worden. In der Stadt Hammelburg kam um 10 Uhr vom Rathaus (1. Bürgermeister Clement) der mündlich weitergegebene Befehl: „Alle Nichtkämpfer mit Fluchtgepäck aus der Stadt!" Nun begann überall hastiges Packen. Das Nötigste wurde rasch zusammengerafft. Bald ergoß sich in wirrem Durcheinander ein Flüchtlingsstrom aus der Stadt nach N. und O. Die Seeshofer Straße war zeitweise verstopft. Flüchtende Frauen und Kinder nebst älteren Männern (jüngere waren kaum mehr da) eilten dahin, ihr Gepäck meist auf Handwagen mit sich führend. Man sah auch Kuh- und Pferdegespanne, beladen mit Wäsche, Betten, Kleidern, Hausrat, Lebensmitteln. Auch Hühner und Schweine waren aufgeladen, Rinder wurden mitgetrieben. Hauptziel der Flüchtenden waren zunächst in der näheren Umgebung Bodenmulden, Steinbrüche, Hecken, Wälder, kurzum jeder Platz, der Deckung zu bieten schien. Insassen des Krankenhauses, dazu Invaliden aller Art fanden Zuflucht im Hohlweg zum Ofental. Zahlreiche Flüchtlinge eilten auch ohne Aufenthalt bis in die nächsten Ortschaften. Seeshof und Feuertal waren bald überfüllt. In allen Räumen vom Erdgeschoß bis zum Dachgeschoß ließen sich die Flüchtlinge mit ihren Hausrat nieder. Groß war überall die Gastlichkeit und Hilfsbereitschaft der Dorfbewohner.

Die nahe bei der Stadt Gebliebenen richteten sich nach Möglichkeit im Freien ein. Decken wurden auf dem Boden ausgebreitet. Stühle und Tische standen herum. Sogar ein warmes Mittagessen gab es für manche, unbekannt, wo und wie zubereitet.

Von Westen her drang ununterbrochener Gefechtslärm und kam immer näher. Merkwürdigerweise fanden sich keine Tiefflieger ein. Sie hätten durch Beschuß der Flüchtlinge eine Katastrophe herbeiführen können. Gegen 16 Uhr begann der Kampf bei der Stadt. Einzelne Granaten schlugen am Buchberg und Heroldsberg ein und vertrieben die dort Gebliebenen.

Nach 17 Uhr entfernte sich der Kampflärm gegen das Lager hin, bald stiegen dort riesige Rauchsäulen auf, die indessen, wie man später erfuhr, von in Brand geschossenen Strohhaufen herrührten. Als der Verfasser mit einigen anderen um diese Zeit den Buchberg von rückwärts erstieg, erkannten sie mit freudiger Erleichterung in der Dämmerung die Umrisse der unversehrten Heimatstadt. Am Rande der Lagerstraße brannten noch einige Fahrzeuge. Nach 18 Uhr trat dann allmählich Ruhe ein.

In der näheren Umgebung der Stadt verbrachten viele Einwohner die Nacht im Freien. Zum Glück herrschte mildes, trockenes Wetter. Auf Decken und Teppichen wurden Betten hergerichtet. Die meisten Leute blieben jedoch in den Kleidern und saßen oder lagen schlaflos, müde und aufgeregt umher. Feuer traute man sich nicht anzuzünden. In den Wäldern wurden vielfach primitive Unterstände aus Reisig und Ästen gebaut, die man noch wochenlang nachher da und dort sehen konnte.

Wirth: „Wir flüchteten gegen Mittag in den Hohlweg zum Ofental mit einem Wägelchen voll Fluchtgepäck. Unsere Gruppe bestand aus meiner Familie und Hauptlehrer Seuffert. Spät nachmittags hörten wir das Panzergefecht. Herr Seuffert und mein Sohn stellten sich etwas oberhalb frei hin zur Ausschau, doch schlugen wiederholt Granaten seitwärts ein. Ein hölzernes Weinbergshäuschen nahebei war von Leuten zum Brechen vollgedrängt. Wir flüchteten dann weiter hinauf zur Höhe und wurden dort von deutschen Soldaten in den rückwärtigen Wald geschickt. Hier wollten wir auch übernachten und errichteten dazu ein leichtes Häuschen aus Baumreisig. Gegen 23 Uhr kamen befreite Gefangene vom Lager her an uns vorbei. Sie waren freundlich und behelligten uns nicht, sondern eilten nach Osten Richtung Feuerthal.".

Zahlreiche der Geflohenen kehrten schon in der Nacht wieder in die Stadt zurück-, andere erst am nächsten oder übernächsten Tag. Noch in der Nacht waren in der Stadt verschiedentlich weiße Tücher ausgesteckt zu sehen. Im Weiher unterhalb des Roten Schlosses schwammen zahlreiche Akten, deren sich anscheinend manche Parteidienststellen auf diese Weise entledigt hatten.

Nun zur Kampfhandlung selber. Die Wehrmacht im ganzen Gebiet war seit den frühen Morgenstunden des 27.3. in höchster Alarmbereitschaft, aber auch in Unsicherheit und Verwirrung. Man war offenbar nicht ganz klar über Weg, Ziel und Stärke des anrückenden Gegners, zumal seit der Mitte des Vormittags die telefonische Verbindung mit Gemünden unterbrochen war. Vormittags zwischen 9.00 und 10.00 Uhr wurde eine von Meiningen herbeigerufene Abteilung deutscher Panzerjäger mit schweren Geschützen, geführt von Hauptmann Köhl (Verwandtem des Ozeanfliegers), am Bahnhof ausgeladen. Sie fuhr zunächst die Fuldaer Straße hinaus, bog vor der Villa Herrlein in den Feldweg links ein und nahm da für kurze Zeit Stellung gegen Obereschenbach. Bald aber fuhr sie wieder zurück, durch die Stadt und über die Saalebrücke nach Untereschenbach, auf dem Feldweg nach Diebach und ein Stück die Straße nach Wartmannsroth hinaus. Vielleicht glaubte man, die Amerikaner kämen von Waizenbach oder Morlesau her. Schließlich aber fuhr die Abteilung auf der Diebacher Straße nach Hammelburg zurück und bezog Stellung zwischen der Thulba und der Ziegelei Voll. Von dieser aus war der Südrand der Stadt bis in die Gegend der Gärtnerei Hurrlein mit einzelnen Geschützen und Maschinengewehren besetzt. So stand es gegen 14 Uhr. Etwa 2 Stunden später tauchte die feindliche Spitze beim Untereschenbacher Kirchlein auf und langsam und vorsichtig rollten die Fahrzeuge die Straße unter Saaleck herein. Es erschienen nach und nach 6 Panzer, dazu Panzerspäh- und Mannschaftswagen. Soviel war von der ursprünglichen Stärke noch vorhanden.

Als die ersten sich der Siebenschläferkapelle näherten, eröffneten die deutschen Panzerjäger das Feuer. Die ersten Schüsse gingen, zu kurz gezielt, in die Wiesen, aber dann gab es Treffer. Ein feindlicher Panzer blieb unweit der Kapelle liegen und wurde von der Besatzung verlassen. Aus ihm holten sich nach Beendigung des Kampfes Leute vom Felsenkeller allerlei „Andenken". Durch das Verteidigungsfeuer der Panzer wurden deutsche Munitionswagen auf der Diebacher Straße getroffen und flogen in die Luft, die Trümmer lagen noch einige Tage bei der Knopffabrik herum. Auch ein deutsches Geschütz wurde kampfunfähig geschossen. Der Schußwechsel dauerte insgesamt über eine Stunde, dabei erlitten auch manche Gebäude am Südrande der Stadt Schäden. Ein deutscher Zivilist, Metzger Reusch, wurde bei der Gärtnerei Hurrlein tödlich verwundet. Manche Schüsse der Amerikaner gingen, wie oben erwähnt, auch in die Weinberge am Buchberg und Heroldsberg.

Indessen wollten sich die Amerikaner offensichtlich nicht auf einen längeren Kampf bei der Stadt einlassen, sondern strebten dem Lager zu, wobei sie wiederum nahe der Saalebrücke und beim Liebental Fahrzeuge verloren, die bis zum Abend brannten. Frau Hempfling: „Gegen Kampfende wurden 2 verwundete deutsche Soldaten zum Felsenkeller gebracht. Einer blutete stark und wünschte ins Krankenhaus gefahren zu werden. Das Wägelchen wurde mit einem lammfrommen alten Pferd bespannt und die Frau des Braumeisters Huber übernahm die Fahrt. Auf der Saalebrücke kamen deutsche Soldaten entgegen gelaufen und befahlen der Frau, sofort umzukehren, da die Brücke unter direktem Beschuß der Feinde liege. In diesem Augenblick sauste eine Granate heran und explodierte nahebei. Durch den Krach erschrak der alte „Fuchs" und galoppierte mit Wagen, Frau und Verwundetem über die Brücke in die Stadt bis vors Krankenhaus".

Bei Einbruch der Dämmerung, gegen 17 Uhr, erreichten die Amerikaner das Lager. Sie waren trotz der unterwegs erlittenen Verluste immerhin der Lagerbesatzung an Feuerkraft noch weit überlegen (nach Oberst Mestmacher).

Das Lager unterstand damals dem Obersten Hoppe und war nur von einer verhältnismäßig schwachen Wachmannschaft besetzt: 4 Kompanien Landesschützen, zusammen etwa 500 Mann mit einigen Geschützen und Maschinengewehren. Der Berichterstatter hierüber, Oberst i. R. Mestmacher (+), weilte damals selbst als Leiter eines Lehrkurses im Lager. Die Zahl der Gefangenen (Russen, Serben, Amerikaner) betrug etwa 2000. Nachdem Cptn. Baums Leute den Lagerzaun aufgebrochen hatten, strömten die Gefangenen unter lautem Geschrei den Befreiern entgegen. Unter ihnen eilte auch der amerikanische Oberstleutnant Waters (wie oben erwähnt Schwiegersohn des Generals Patton) mit einer weißen Fahne herbei um das Lazarett zu schützen. Jedoch von einem deutschen Bewacher durch Schenkelschuß schwer verwundet mußte er selbst ins Lazarett zurückgetragen werden.

Cptn. Baum aber fragte sich, was nun? Die wenigen Fahrzeuge, die er besaß, konnten nur eine verschwindend kleine Zahl von Gefangenen aufnehmen. Der Vorschlag, die Gefangenen sollten zu Fuß die abziehenden Befreier begleiten, war offensichtlich undurchführbar. Zudem waren deutsche Verstärkungen im Anmarsch. Auch die Panzerjäger Köhls, die nach dem Kampf sich nach Fuchsstadt begeben hatten, rückten von dort herauf an. So entschloß sich Baum zu dem Versuch mit seiner stark zusammen geschmolzenen Abteilung auf demselben Weg, den er gekommen war, wieder zurückzukehren. Gefangene nahm er mit, soviele bei ihm Platz fanden, die anderen, in ihrer Hoffnung auf Freiheit enttäuscht, eilten teils davon um zu Fuß auf eigene Faust sich zu den Alliierten durchzuschlagen, die meisten kehrten wieder in deutschen Gewahrsam zurück. Cptn. Baum aber gelangte mit den Seinen bis in die Gegend von Höllrich am Fuß der Reußenburg. Dort wurde er am Morgen des 28. 3. von den deutschen Verfolgern gestellt. Nach längerem Widerstand wurden die Amerikaner aufgerieben, die überlebenden zerstreuten sich im Wald und gerieten dort im Laufe des Tages in deutsche Gefangenschaft. So auch nach schwerer Verwundung Baum selbst. Am Abend des Tages wurden sie alle ins Lager zurückgebracht. Erst am 7. 4. gewannen sie nach der Besetzung des Lagers durch die Amerikaner die Freiheit wieder.

Der deutsche Wehrmachtsbericht erwähnte den Zug am 28. 3. kurz mit den Worten: „Südlich Aschaffenburg vorbei waren die Anfänge der 4. amerikanischen Panzerdivision über Lohr bis östlich Gemünden vorgestoßen. Sie werden: zur Zeit von allen Seiten angegriffen, 13 östlich Gemünden befindliche Panzer wurden vernichtet."

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